F e r n w e h-Pur... Reportage

Der östlichste Zipfel Neuseelands:
Das einsame East Cape


Wenn wir auf den östlichsten Zipfel unserer europäischen Landkarten schauen, dann scheint dieser das East Cape in Neuseeland zu sein. In dem kleinen Städtchen Te Araroa, das im Eastland liegt, wird jedem diese Lage bewusst: Ein Wegweiser gibt die Entfernung nach Frankfurt mit 19.290 Kilometern an. Das East Cape oder Eastland ist eine der ursprünglichsten und von Touristen bisher kaum erschlossenen Gegenden Neuseelands. Ich stehe irgendwo im nirgendwo, in der Einsamkeit Neuseelands.

Das East Cape auf der Nordinsel wird zu 98 Prozent von den polynesischen Ureinwohnern, den Maori, bewohnt. Te Araroa ist ein typisches Maori-Dorf. Es wirkt verschlafen, ruhig und ein wenig gespenstig. Früh morgens fahren hier die Fischer hinaus, um den großen Fang zu sichern. Ansonsten gibt es nicht viele Beschäftigungsmöglichkeiten. Neben einer Kirche, Polizei, Feuerwehr und Post besteht Te Araroa aus einer Tankstelle und einen Supermarkt. Die Öffnungszeiten sind recht unregelmäßig. Als ich an einem Samstagmorgen mit leerem Tank auf den Tankwart warte, wird mir von einem aufmerksamen Passanten erklärt, dass der Inhaber gerade bei einer wichtigen Familienfeier sei. Die einzige Tankstelle im Ort bleibe also heute geschlossen. Vielleicht ist er morgen wieder da! Macht‘ nichts, denke ich mir. So bleibe ich eben einen weiteren Tag am East Cape!

Die Sonne geht hier am East Cape zuerst auf: „First to see the light!“ Der östlichste Sonnenaufgang, die östlichste Stadt, der östlichste Leuchtturm und ich bin auf dem östlichsten Campingplatz mit dem natürlich östlichsten Kino gelandet. Der „Te Araroa Holiday Park“ ist eine schön angelegte Anlage mit vielen Campingplätzen und einigen Apartments. Im Kino läuft zur Zeit neben „Star Wars“ die Komödie „Spy that shagged me“. Ich habe es gestern abend vorgezogen, den östlichsten Sonnenuntergang am nahegelegenen einsamen (natürlich östlichsten) Strand zu bewundern. Neben den vielen östlichsten Dingen des Lebens hat der Te Araroa Holiday Park noch ein besonderes Flair. Der Park kann als familiär, gemütlich, einsam, entlegen und vor allem nicht touristisch bezeichnet werden. Zu dieser besonderen Atmosphäre tragen auch die sogenannten „Zusatz“-Einrichtungen des Campingplatzes bei. Täglich wird hier frisches Brot geliefert, in der Woche um acht Uhr morgens und sonntags um 12.30 Uhr. Milch gibt es zwei Mal wöchentlich, dienstags und donnerstags um zehn Uhr. Der „liquor shop“ hat wochentags jeweils zwölf Stunden geöffnet, sonntags muss auf alkoholische Getränke verzichtet werden. Dienstag ist hier der Tag der Donuts und Muffins. Auch am East Cape gibt es schließlich westliche Konsumkultur.

Die Menschen sind sehr hilfsbereit. Ich frage im Shop, ob sie Benzin verkaufen. Freundlich entgegnet mir die ältere Dame: „Nein, Benzin verkaufen wir leider nicht. Ich kann Ihnen aber gerne etwas von meinem abgeben.“ Die Menschen sind hier aufeinander angewiesen und können auch den Öffnungszeiten der Tankstelle im Ort nur wenig vertrauen. So eilig habe ich es dann doch nicht und ich entscheide mich, einen erneuten Versuch in Te Araroa zu wagen. Diesmal habe ich Glück! Die Tankstelle ist geöffnet und der freundliche Maori erzählt mir stolz von seiner Heimat. Ich müsse unbedingt zum Leuchtturm fahren. Dies sei schließlich der östlichste der Welt.

Also fahre ich zum rund 20 „ks“ (neuseeländische Abkürzung für Kilometer) entfernten Leuchtturm. Unterwegs sehe ich eine Kuhherde, die in aller Ruhe und Gelassenheit über den Strand läuft. Der leichte Aufstieg dauert rund anderthalb Stunden und ist auf Grund der noch nicht starken Septembersonne sehr angenehm. Von oben habe ich einen wunderschönen Blick auf das einsame East Cape. Menschenleer liegt es vor mir, mit grünen Gras- und Weidelandschaften, malerischen Klippen, weißem Sand, rauschenden Wellen, türkisgrünem Wasser und den weißen Wolken am Horizont. Die polynesischen Ureinwohner nennen ihr Land auch „Aotearoa“ – „Land der großen weißen Wolke“. Diese Bezeichnung ist auf Seefahrer Kupe aus Hawaiki zurückzuführen, dem die weißen Wolken einst den Weg nach Neuseeland gewiesen haben sollen. In weiter Ferne entdecke ich eine kleine bewaldete Insel, mitten im Pazifischen Ozean, der wohl auch das östlichste Weltmeer ist? An Silvester ist der Leuchtturm ein beliebter Treffpunkt, da man hier als erste das neue Jahr begrüßen und natürlich auch den östlichsten Jahreswechsel der Welt feiern kann.

Weiter geht meine Reise nach Tikitiki. Dort ist die St. Marys‘ Memorial Church ihre Reise wert. Die Kirche wurde Ende der 20er/ Anfang der 30er Jahre des letzten Jahrhunderts gebaut und dient als Gedenkstätte an die polynesischen Gefallenen des Ersten und Zweiten Weltkrieges. Außer der Tatsache, dass die anglikanische Kirche natürlich die östlichste der Welt ist, nimmt sie eine weitere Sonderstellung ein. Sie ist die einzige Kirche weltweit, in der die traditionelle Kunst der Maori zu sehen ist. Beeindruckend ist vor allem das Kirchenfenster über dem Altar, das zwei Maori Offiziere zeigt, die zu Füßen von Jesus im Garten Eden knien. Auch in Gedenken an Sir Apirana Ngata wurde hier ein Grabstein errichtet. Er war einer der größten Maori-Politiiker, der als erster Ureinwohner Neuseelands ein Hochschulstudium erfolgreich absolvierte und Mitglied im Parlament war. Mit den Worten „Kia ora“ (bedeutet in der Maori-Sprache „Guten Tag“, „Auf Wiedersehen“, „Gesundheit“, „Glück“) entschwinde ich wieder in die Einsamkeit und die unberührte Natur des East Cape.

Entlang des „Küsten“-Highways No. 35 geht es zur einzigen Stadt am East Cape, nach Gisborne. Das verträumte Städtchen ist natürlich auch das östlichste der Welt. Die Hauptstraße wacht hier mit farbenprächtigen Häuschen im Art-Deco-Stil auf, Palmen erzeugen hier ein fast südländisches Flair. Hier muss ich mich langsam wieder an das Leben der westlichen Welt gewöhnen: moderne Autos, chinesische Restaurants, große Supermarktketten, Kaufhäuser. Ich bin zurück in der Zivilisation, aber immer noch in der östlichsten Stadt und am östlichsten Zipfel der Welt.

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